Und ich wollte noch Abschied nehmen.
Das werd ich mir nie vergeben.
 Wie konntest du von uns gehen.
Jetzt soll ich dich nie mehr sehen.
Xavier Naidoo

Oliver Flesch, 42, Berlin

Für Ella. Für meine Jungs. Und alle anderen, die diesen Schmerz nachempfinden können; für die, denen er noch bevorsteht; und vor allem für die Menschen, die ihn nicht mitfühlen können, weil sie niemals auf diese Art und Weise geliebt wurden.

Du bist so weit weg, und doch so nah. Viel näher als damals, als Du noch in meiner Nähe warst. Es hängt kein Foto von Dir in meiner Wohnung, ich trage keines in meinem Portemonnaie. Du weißt, ich habe noch nicht einmal ein Portemonnaie, mein Geld, wenn ich welches habe, steckt noch immer locker in meiner Hosentasche. Ich brauche kein Bild von Dir, um mich an Dich zu erinnern. Du bist allgegenwärtig. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Dich denke. Es sind keine schönen Gedanken, dafür ist es noch zu früh. Es ist sind eher Fragen. Was würdest Du hierzu sagen, was dazu, was würdest Du mir raten, solche Fragen.

Manchmal träume ich von Dir. Es sind aufregende Träume, obwohl in ihnen gar nicht viel passiert, oberflächlich betracht, doch Du bist in diesen Träumen bei mir, aufregender geht es kaum.

Neulich ging es bei „How I Met Your Mother“ um die letzten Worte, die Marshalls Vater vor seinem Tod zu ihm sagte. Es war irgendetwas Triviales, was Marshall sehr traurig machte. Ich wünschte, ich könnte mich an ein paar triviale letzte Worte von Dir erinnern. „Ich verrecke hier und es interessiert Dich einen Scheiß!“, sind die letzten Worte, die ich von Dir erinnere. Keine Sorge, ich weiß, dass Du es nicht so gemeint hast. Ich weiß, dass Du mich nur wieder einmal, ein letztes Mal, vor mir selbst schützen wolltest; mir bewusst machen wolltest, was wirklich zählt.

Als Thorsten (mein Bruder, Freunde) mir schließlich am Telefon sagte, „Mit Mama geht es zu Ende, sie wird die Nacht nicht überleben“, und ich so schnell es ging von Berlin zu Dir nach Hamburg fuhr, konntest Du schon nicht mehr sprechen. Du bekamst kaum Luft, Deine Augen waren weit aufgerissen und voller Todesangst, aber Du hast, wie es so Deine Art war, zum allerletzten Mal all Deine Kraft zusammen genommen und unsere Hände gedrückt. Die Deiner Schwester, Deiner Nichte, Deines Enkelkindes, die von Thorsten und meine. Es war kein schöner Abschied. Aber es war wenigstens einer.

Man sagt, die Seele würde den Krebs nähren. Sollte das stimmen, habe ich ihn gut gefüttert in all den Jahren. All die Sorgen, die Du Dir um mich machen musstest. Das werde ich mir nie verzeihen.

Was bleibt? Oh, so viel. Erinnerungen natürlich. An unsere Urlaube vor allem. Damals, in den 70ern und 80ern. Immer Spanien, dafür jedes Jahr eine neue Insel. Kalifornien ’97, Du und ich und der kleine Joel. Wie wir unser Wohnmobil abseits der schönsten Straße der Welt, dem Highway One, an einer Klippe parkten, uns das Geräusch der Brandung in den Schlaf wiegte und morgens weckte.

„Ich wünschte, es wär´ noch mal viertel vor sieben, und ich wünschte, ich käme nach Haus“ singt Reinhard Mey, den wir beide so sehr mochten, in einem seiner schönsten Lieder. Das wünschte ich auch. Dass Du die Tür öffnest, zaghaft lächelst, sagst, „Na, Olli … Zieh bitte die Schuhe aus, ich hab gewischt.“ Dass Bratfisch in der Pfanne brutzelt, der Salat mit dem leckersten Dressing der Welt auf dem Tisch steht (für das Du mir nie das Rezept geben konntest, weil Du es, wie alles, „frei nach Schnauze“ zusammenzaubertest); duftende frische Erdbeeren in der Quarkspeise. Nach dem Essen noch einmal mit Dir am Wohnzimmertisch sitzen und reden und lachen. Und mit Joey oder Joel (meine Söhne, Freunde) spielen, wenn sie da waren: Backgammon, Phase 10 oder Siedler. Ja, das wäre es.

Aber Erinnerungen sind längst nicht das einzige, was bleibt. Du und Papa, ihr habt mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Meine Schwächen schreibe ich mir selbst zu, aber meine Stärken, die kommen von Euch. Am dankbarsten bin für die unendliche Liebe, die Ihr mir schenktet. Durch sie habe ich gelernt, was es bedeutet Liebe zu geben, Liebe zu empfangen. Dass die Kalenderblattweisheit „Liebe ist alles, ohne Liebe ist alles nichts“ kein Klischee ist, viel mehr die Wahrheit.

Ich weiß, was Du jetzt denkst, da stimmt doch schon wieder irgendetwas nicht mit dem Jungen. Aber Du musst Dir keine Sorgen machen. Wirklich nicht. Du kennst mich, ich komm zurecht. Irgendwie. Irgendwie immer. Näheres willst Du gar nicht wissen. Du würdest es eh nicht verstehen. Die heutigen Frauen, ach, Mensch Mama, das ist eine andere Generation, die ich selbst kaum noch verstehe.

Ich muss jetzt aufhören. Nur eines noch: Du warst das Beste, was mir je passiert ist.

In Liebe auf ewig. Dein Großer

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