Gott hat mir heute Nacht einen Blick in sein Reich gewährt. 

Es ist golden.

Mama, das ist wunderschön!

Ja, aber ehe man dort ankommt…

Du bist auf dem Weg, Mama, Du bist auf dem Weg.


ask, 50+, Hamburg

Den unmittelbar bevorstehenden Tod in ruhiger Erwartung anzunehmen, ist ein langer Weg. Ich habe fünfeinhalb Jahre einen Menschen auf diesem Weg begleitet. Meine schließlich demente Mutter, meine schöne Mama, meine Allerliebste. Am 14. April hat sie, rührend anmutig, in weiche fließende Stoffe gehüllt, mit ihrem gütigen, lächelnden, warmen Blick Platz genommen in einem Luftschiff und ist auf die ihr typische Weise winkend in Richtung weißer Wolkenberge davongeschwebt. Ihr Boot aus Wolken wurde noch einmal gesehen – einen Wimpernschlag lang und nur von mir. Sie konnte ihre Reise aus der Zeit in die Ewigkeit mit der beglückenden Dankbarkeit vollenden: Sie hat mich gesehen! Meine über alles geliebte Tochter hat mich gesehen.

Ja, ich habe etwas gesehen. Meine Wirklichkeit war dennoch ganz anders in jenem magischen Moment und besonders in den folgenden Stunden. Und Tagen. Und Monaten … All die Tränen und das Sehnen und das Hadern und – schließlich aller Aufarbeitung zum Trotz – sich fragen: Kannst du verzeihen, was wehgetan? Aber ja, längst. Das tun nur liebende Mütter.

Dann die Transformation. Jetzt, nach vier Jahren, bin ich im neuen Leben ohne den Menschen angekommen, dessen Liebe nach wie vor gegenwärtig ist. Verloren aber ist das Gefühl, jemandes Kind zu sein; in jemandem zu Hause zu sein; eine Heimat zu haben. Was gelegentlich und naturgemäß sehr schwierig war, erhält plötzlich einen besonderen Wert. Mit Mitte Fünfzig. Diese Wurzeln lassen sich in niemanden mehr schlagen.

Im Grunde gibt es zwei Arten von Leben, hat sie mal gesagt. Es gibt das, von dem die Leute glauben, dass man es lebt, und es gibt das andere. Es ist das andere, das Probleme macht, jenes, das wir gern zu Gesicht bekämen. Erst heute kann ich es sehen, ihr anderes Leben. Weil manches in meinem eine Brücke baut. Und ich verstehe vieles so viel besser. Ach, meine Allerliebste, was für ein Abenteuer! Immer wieder. Das Entdecken hört wohl nie auf.

Das Entdecken ausgerechnet dieses Nietzsche-Satzes aus dem Ecce Homo gehört wohl dazu: „… Ich bin, um es in Rätselform auszudrücken, als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt.“ Für Nietzsche, diesen großen Einsamen, mag in diesem „Verhängniss das Glück meines Daseins“ und eine mögliche Erklärung dafür gelegen haben, „Warum ich so weise bin“. 

Ich habe noch viel Leben vor mir und im Moment das Gefühl, es gelte, einen gordischen Knoten zu lösen. In aller Liebe. Aber nicht weniger kraftvoll.

Neulich fand ich eine Geburtstagskarte. Eines ihrer unzähligen herzensheißen Krixelkraxel mit dem immer wiederkehrenden Satz „… und es soll rote Rosen für dich regnen“. Jaaa, bitte! Ein Goldenes Vlies hab ich schon.

5. APR 2o18: Mama, weißt Du was, die Spuren des Lebens, auch sie sind golden. Die Japaner nennen es KintsugiDer Kreis ist geschlossen. Ich bin glücklich. Danke für alles.

 


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